„Wir können und wollen uns nicht als ,Schlampen‘ darstellen“

Kritische Diskussion um die sogenannte „Slutwalk“-Bewegung

Eine regelrechte Protestwelle löste im Frühjahr dieses Jahres der Ratschlag eines Polizisten bei einem Seminar an der Universität Toronto aus. Als Schutz vor sexuellen Übergriffen empfahl er jungen Frauen, sich nicht wie „Schlampen“ („sluts“) anzuziehen. Dass sie auch noch selbst die Schuld an sexuellen Belästigungen und Vergewaltigungen tragen sollten, wollten diese nicht auf sich sitzen lassen. Gemeinsam mit Frauenorganisationen rief die Studierendenvertretung Torontos im April den ersten sogenannten „Schlampenmarsch“ („Slutwalk“) ins Leben.

Der Protest richtete sich gegen sexuelle Gewalt an Frauen und ihre Verharmlosung sowie gegen die weitverbreitete Praxis bei Polizei, Gerichten und Medien, den Opfern von Vergewaltigungen eine Mitschuld daran zu unterstellen. Über Internet verbreiteten sich die „Slutwalks“ zunächst in die USA, dann nach Australien, Indien und Europa. Am 13. August gingen auch in mehreren deutschen Städten wie Berlin, Hamburg, München oder Frankfurt Hunderte von vorwiegend jungen Frauen und auch Männern auf die Straße gegen sexistische Anmache, sexuelle Übergriffe und ein Frauenbild, das Frauen- und Mädchen zu Sexualobjekten erniedrigt.

Umstritten sind allerdings die am Christopher-Street-Day von Teilen der Schwulen- und Lesbenbewegung orientierten Formen der Demonstrationen mit möglichst aufreizender Kleidung, die Bezeichnung „Schlampenmarsch“ und die im Aufruf erklärte Absicht, sich den Begriff der „Schlampe“ positiv „anzueignen“. Laut Wörterbuch ist „Schlampe“ ein Schimpfwort für eine „sexuell jederzeit zur Verfügung stehende Frau“. Was gibt es daran positiv „anzueignen“ oder aufzuwerten? Von der Erwartung, „sexuell jederzeit zur Verfügung zu stehen“, sehen sich doch Frauen und besonders junge Frauen tagtäglich massiv unter Druck gesetzt.

Ich gehe nicht auf die Straße für das Recht, sexy sein zu dürfen, sondern für das Recht, nicht sexy sein zu müssen“, erklärt eine junge Demonstrantin aus Deutschland im Internet. Eine andere schreibt: „Ich will nicht bauchfrei durch die Stadt laufen, um Missstände anzuprangern. Ich finde es auch nicht wichtig, mir das Wort Schlampe anzueignen. Aber ich möchte solidarisch mit allen Menschen demonstrieren, denen Vergewaltigungsentschuldigungen und -verharmlosungen zuwider sind.“ (Zitate aus „Mädchenmannschaft.net“ und „Mädchenblog“).

In der Tat müssen sich die Initiatorinnen fragen lassen, ob sie nicht selber der sexistischen Denkweise auf den Leim gehen, die sie bekämpfen wollen. Das und die Ignoranz gegenüber der Wirklichkeit der besonderen Unterdrückung der Masse der Frauen ist Gegenstand der Kritik von Organisationen schwarzer Frauen und von Migrantinnen in den USA. In einem offenen Brief, in dem sie den Initiatorinnen der „Slutwalks“ eine solidarische, kritische Auseinandersetzung anbieten, heißt es:

Wir stellen die Mehrheit der Opfer von Verschleppung und Zwangsprostitution, der im Internet als ,Bräute‘ verkauften Frauen, der in Bordellen rund um die US-Militärbasen als Ware angebotenen Frauen. Wir sind und waren historisch gesehen die ,sluts‘ (Schlampen), die von Dealern, Zuhältern und anderen ,Autoritäten‘ im globalen Sexhandel für 20 Milliarden US-Dollar jährlich ausgebeutet werden. Darum können wir den Begriff in Bezug auf uns selbst und unseren Kampf gegen sexuelle Gewalt und für die Befreiung der Frauen nicht akzeptieren. … Wir laden die Organisatorinnen der SlutWalks ein, durch die Bordelle zu gehen und sich anzuschauen, was es bedeutet, als ,Schlampe‘ behandelt werden zu werden. … Wir kämpfen seit dem 19. Jahrhundert gegen den sexistischen/ rassistischen Sprachgebrauch. Wir können und wollen uns nicht selbst als ,Schlampen‘ darstellen und unseren Mädchen die Botschaft vermitteln, dass wir uns selbst als solche identifizieren. Wir wollen Männer und Jungs nicht ermutigen, den Begriff weiter zu verbreiten, indem wir ihn durch Aufdrucke auf T-Shirts, Buttons und Flugblättern normalisieren.“ (englisch auf „www.af3irm.org“)

Die Ursachen der besonderen Unterdrückung der Frau liegen im kapitalistischen Gesellschaftssystem selbst, sind untrennbar mit ihrer Rolle im Rahmen der bürgerlichen Familienordnung und der vollständigen Unterordnung aller Lebensbereiche unter die Profit- und Machtinteressen des internationalen Finanzkapitals verbunden.

Die Aktivitäten der kämpferischen Frauenbewegung am 25. November, dem Internationalen Kampftag gegen Gewalt an Frauen, sind eine gute Gelegenheit, den Kampf gegen den Sexismus einzubringen und gleichzeitig einen Beitrag zur nachhaltigen Stärkung der kämpferischen Frauenbewegung zu leisten. Denn das ist vor allem notwendig, damit die Befreiung der Frau im Kampf für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung Wirklichkeit werden.

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