Alt – und angriffslustig!

In einigen Wochen geht das offizielle „Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit“ zu Ende. Auf bis zu 23 Millionen wird in Deutschland die Zahl der Menschen geschätzt, die sich freiwillig und unentgeltlich engagieren.

Den größten Zuwachs dabei gibt es seit 1999 bei den 60- bis 69-Jährigen (von 31 auf 37 Prozent), aber auch sehr viele Jugendliche engagieren sich.1 Zweifellos ist das ein Ausdruck einer großen Selbstlosigkeit und ein starkes Argument gegen die These: Es denkt doch jeder immer nur an sich … Auch in allen Feldern der gesellschaftlichen Auseinandersetzung sind Jüngere und Ältere gemeinsam aktiv, wie zum Beispiel seit sieben Jahren in der Montagsdemobewegung und jüngst für die sofortige Stilllegung aller AKW weltweit oder gegen „Stuttgart 21“, im antifaschistischen Kampf usw.

Zu den Gründen für sein Engagement meint ein Montagsdemonstrant aus Düsseldorf: „Ich bin Rentner und habe noch mein Auskommen. Das haben wir als Nachkriegsgeneration hart erarbeiten und mit der Gewerkschaft erkämpfen müssen. Natürlich bin ich wütend und kann nicht zusehen, wie das alles für die Jugend wieder in Frage gestellt wird. Heute, wo tausendmal bessere Voraussetzungen für einen langfristigen und nachhaltigen Fortschritt als damals nach dem Krieg geschaffen sind. Wir Alten haben gelernt zu kämpfen, dass müssen wir der Jugend weitergeben.“

Dieses gewachsene, kämpferische Selbstbewusstsein älterer Menschen muss sich gegen eine Medienkampagne mit Schlagzeilen wie „Demenzrepublik Deutschland“ durchsetzen.

Hart erkämpfter Fortschritt

Dass es heute immer mehr ältere Menschen gibt und Menschen, die länger als früher gesund und aktiv sind, ist zweifellos dem gesellschaftlichen Fortschritt auf vielen Gebieten geschuldet: jahrzehntelangen Kämpfen der Arbeiter- und Volksbewegung um eine Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen, um höhere Löhne, Arbeitszeitverkürzungen, um auskömmliche Renten, ein besseres Gesundheitswesen usw. Das ist ein bedeutendes gesellschaftliches Potenzial, das für ein menschenwürdiges Zusammenleben und fortschrittliches Gemeinwesen genutzt und gefördert werden könnte.

Dass der wachsende Anteil der älteren Bevölkerung vom Kapitalismus stattdessen zum „Super-GAU“ stilisiert wird, zeigt eindringlich seine Überlebtheit: Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse werden zur Fessel der Produktivkräfte. Aber diese Produktivkräfte, wozu in erster Linie die arbeitenden Menschen gehören, rebellieren zunehmend gegen diese Zustände.

Tatsächlich ist es natürlich auch ein Problem, dass in Deutschland ein gesellschaftlicher Alterungsprozess stattfindet. Die Krise der bürgerlichen Familienordnung hat dazu geführt, dass hier immer weniger Kinder geboren werden. Das ist der krasseste Ausdruck der zunehmenden strukturellen Unfähigkeit der Familien, als kleinste Solidargemeinschaft der Massen noch ihre Aufgaben zu erfüllen.

Unter dem Stichwort der sogenannten „Generationsgerechtigkeit“ werden nach kapitalistischer Profitlogik den Familien auch immer mehr Lasten durch die Versorgung der alten Familienangehörigen aufgebürdet. Mehr als zwei Drittel aller Hilfsbedürftigen (69 Prozent) oder 1,62 Millionen Menschen werden zu Hause gepflegt. Bei einer vollstationären Pflege werden (ab 1. Januar 2012) als Pauschale an das Pflegeheim 1.023 Euro (Pflegestufe I) bis 1.550 Euro (Pflegestufe III) gezahlt. Für die häusliche Pflege werden dagegen nur 235 Euro (Pflegestufe I) bis maximal 675 Euro (Pflegestufe III) gezahlt! (aerzteblatt.de, 21. 2. 2011)

Die Altersarmut wächst

Laut Bundesarbeitsministerin von der Leyen steigt die Zahl der arbeitenden Rentner seit zehn Jahren kontinuierlich an. Mussten im Jahr 2000 noch 417.000 Rentner ihre Rente mit einem Minijob aufbessern, waren es 2010 mit 769.000 bereits fast doppelt so viele. Jeder fünfte Rentner bleibt unter dem Sozialhilfeniveau, bei den Frauen kommt nur jede Dritte über das offiziell festgelegte Existenzminimum. Selbst die Sachverständigenkommission zur Erstellung des Ersten Gleichstellungsberichtes der Bundesregierung kommt zu dem Schluss, dass der von der Bundesregierung vorprogrammierte Anstieg der Altersarmut gerade bei Frauen nicht mehr tragbar ist. 2

Und das, obwohl die Gesellschaft immer reicher wird, was im Wesentlichen durch die enorme Steigerung der Produktivität von denen geleistet wurde, die heute oft genug als angebliche gesellschaftliche „Belastung“ diffamiert werden (der Umsatz pro Beschäftigten in der Industrie stieg von 2000 bis 2010 trotz der Krisen um 44 Prozent!). Es gibt nicht wenige ältere Menschen, die aufgrund der spalterischen Propaganda an Selbstbewusstsein verlieren – und natürlich gibt es auch Jüngere, die dieser „Gehirnwäsche“ auf den Leim gehen.

Gegen die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 und – geht es nach den Plänen der Herrschenden – noch mehr Jahre entwickelt sich schon seit Jahren der Widerstand in den Betrieben. Es ist das bisher gravierendste Rentenkürzungsprogramm (s. dazu S. 6/7), das bis auf die Linkspartei von allen im Bundestag vertretenen bürgerlichen Parteien vorangetrieben wird. Es ist eine Errungenschaft der Gewerkschaftstage von Ver.di und IG Metall, dass die Rentenpolitik intensiv diskutiert wurde. In der positiven Gewerkschaftsarbeit muss jetzt ein besonderes Augenmerk darauf gelegt werden, dass die Erhöhung des Renteneintrittsalters zurückgenommen wird! Die MLPD fordert die Herabsetzung des Rentenalters auf 60 Jahre für Männer, auf 55 Jahre für Frauen bei vollem Rentenausgleich! Festsetzung einer staatlichen Mindestrente unabhängig von der persönlichen Berufstätigkeit!

Der Kapitalismus konzentriert sich auf den Menschen als Ausbeutungsobjekt. Zunehmend wird in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung aber von der Masse der Bevölkerung das dabei aufgestellte Wertesystem kritisch hinterfragt: Warum soll nur zählen, was jung, schön, fit, gesund und flexibel ist? Warum sind natürliche Vorgänge des Alterns und des Sterbens viel weniger in der öffentlichen Diskussion? Im Alter aufs „Abstellgleis“ abgeschoben zu werden, isoliert von Jüngeren in teilweise unwürdigen Alters- und Pflegeeinrichtungen, ist für viele Menschen nicht mehr hinnehmbar. Eine aktuelle Forderung ist die Einbeziehung der alten, kranken und behinderten Menschen in das gesellschaftliche Leben und die volle Übernahme ihrer Pflegekosten durch Monopole und Staat!

Die jahrzehntelange Erfahrung vieler Älterer mit der ganzen Bandbreite der Ausbeutung und Unterdrückung und aus ihren Kämpfen ist ein Schatz für die heutigen Auseinandersetzungen – und zunehmend rückt gerade die Sorge um die Zukunft der Jugend ins Bewusstsein der Älteren, fordert sie heraus, zusammen mit der Jugend aktiv zu werden. Auch in der MLPD gibt es viele ältere Mitglieder. Die sind der beste Beweis, dass man nie zu alt für den Kampf um die Zukunft ist. Denn wer will, dass der Mensch – egal in welchem Alter – als Mensch im Mittelpunkt steht, sollte organisiert mit der MLPD für den echten Sozialismus streiten.

 

1 Zahlen der Enquêtekommission des Bundestags für 2010, welt.de, 13. 1. 2011

2 Erster Gleichstellungsbericht der Bundesregierung vom 15. 1. 2011

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