Ein Augenzeuge der Kulturrevolution im sozialistischen China

Täglich ergießt sich die Flut antikommunistischer Augenzeugen angeblicher Unfreiheit und Verbrechen in den ehemaligen sozialistischen Ländern. Augenzeugen werden aufgeboten und dürfen sich in den Medien breit machen, sofern sie nur genug Gräuelmärchen berichten. Zufällig wurde ich auf ein antiquarisches Buch von 1973 aufmerksam. Es trägt den Titel „Ein Leben zwischen Fronten“ und ist eine Autobiographie eines österreichischen Triebwerkspezialisten. Er entwickelte während des Hitler-Faschismus bei den Junkers-Werken Triebwerke für Düsenjäger. Er kam später in russische Gefangenschaft und war zeitweilig in Ägypten tätig. Von 1972 bis 1973 weilte er als Gastprofessor in Peking.

Ferdinand Brandner war Mitglied der NSDAP. Er hatte das später nie geleugnet und beschönigt. Es ist ihm abzunehmen, dass er glaubte, als Wissenschaftler über allen Ideologien zu stehen. Er war blind gegenüber Berichten von Gräueltaten der Faschisten in den besetzten Gebieten und hielt Massenmorde an Juden für Gerüchte. Erst das Kriegsende öffnete ihm die Augen, für welch ein verbrecherisches Regime er gearbeitet hatte.

Tief saß jedoch seine skeptische Haltung zum Sozialismus, auch wenn er mit dazu beitrug, neun Jahre lang sein Wissen in den Dienst des Aufbaus der sowjetischen Luft- und Raumfahrt zu stellen. Was ihn jedoch auch auszeichnete, war eine sehr differenzierte Beurteilung von Menschen und Ablehnung von Bürokratismus und Intrigantentum. Aus widersprüchlichen Erfahrungen in der damals noch sozialistischen Sowjetunion zog er den Schluss, dass eine „klassenlose Gesellschaft eine Utopie“ sei, da der Mensch sich nie ändere.

Ihn reizten neue Aufgaben. So unterstützte er den Aufbau einer eigenen Luftwaffe in Ägypten, das sich unter Nasser vom Imperialismus abzunabeln versuchte. Er folgte 1972 einer Einladung aus dem damals sozialistischen China: „Ich war überzeugt, durch meine lange Ingenieurtätigkeit in so verschiedenen Ländern soviel Abstand und Objektivität zu besitzen, um das technische Potential eines Landes, unabhängig von politischen oder geschichtlichen Vorurteilen bewerten zu können, und war brennend neugierig darauf, wie und wieweit dieses Land mit seiner alten technischen Tradition die moderne Technik in seinen Alltag und seine neuen Lebensziele integriert.“ (S. 344)

Selbstbewusste und freie Arbeiter

Er erlebte die unmittelbaren Folgen der Kulturrevolution und wollte mit eigenen Augen „mit der wirtschaftlichen sozialen und geistigen Wirklichkeit eines Landes (konfrontiert zu werden), von dem man im Westen die dunkle Vorstellung hat, daß es am Rande des Chaos steht.“ (S. 344/345)

Er bekam Einblick in den Stand des Flugzeugbaus in China und konstatierte eine große Offenheit ihm gegenüber. Besonders beeindruckte ihn das Vertrauen auf die eigene Kraft und die Rolle der chinesischen Arbeiter, was er so beschrieb: „Den Arbeitern merkte man an, daß sie auf ihr Werk stolz sind. … Das Mitarbeiten der Arbeitermasse ist in China ja kein leerer Wahn. Mao hat es zweifellos verstanden, in der großen Not, als die Sowjets … über Nacht aus China weggingen (Anm. der Red: im Jahr 1958 als Reaktion Moskaus auf die Kritik aus China an der revisionistischen Entartung der KPdSU), an die Eigeninitiative der Arbeiter zu appellieren. Seitdem ist das Selbstbewußtsein der Masse gestiegen. Gemeinsam wird die Arbeit bewältigt.“ (S. 347)

Demokratie im Sozialismus

Ihn beeindruckte der demokratische Umgang unter den Massen: „Die Diskussionen waren kultiviert und fruchtbar. Das gilt für ganz China … Bemerkenswert fand ich das Verhältnis der Lehrer zu ihren Studenten. Es ist beherrscht von gegenseitigem Vertrauen. Die Professoren führen ihre Hörer. Bei Prüfungen, so sagten sie mir, vermeiden sie grundsätzlich Fangfragen. Studenten seien keine Feinde, gegen die man Überraschungsangriffe führt.“ (S. 355)

Resümee eines „unpolitischen“ Professors

Brandner schildert Merkmale der sozialistischen Demokratie im Alltag. In seinem persönlichen Resümee stellt er den echten Sozialismus, wie er ihn in dem China Mao Tsetungs erlebte, dem Kapitalismus wie folgt gegenüber: „Ich hatte ein Land kennengelernt mit fast einem Viertel der Erdbevölkerung. Es besitzt ohne Zweifel alle moralischen Voraussetzungen, mit Hilfe einer maßgeschneiderten Technik den Zauberrausch des Fortschritts auf sein ihm zustehendes Maß zu beschränken, das heißt: die Ackerkrume, die Luft und das Wasser, also die menschlichen Lebenselemente, vor dem Gift unserer modernen, fast unmenschlich gewordenen Zivilisation zu bewahren.“ (S. 368)

In dieser idealistischen Beurteilung sah er nicht den Klassenkampf, der auch im Sozialismus fortgeführt werden muss. Die Kulturrevolution, deren Auswirkungen er anschaulich schilderte, war Klassenkampf im Sozialismus: Sie vereitelte den Versuch der Machtergreifung einer neuen bürgerlichen Klasse aus den Reihen bürokratisch entarteter Funktionäre in Staat, Wirtschaft und Partei. Wenige Jahre nach Brandners Besuch, nämlich nach Maos Tod 1976, gelang es diesen Elementen, den sozialistischen Weg zu zerstören und China auf den kapitalistischen Weg zu führen. Es fehlte keineswegs an demokratischen Einrichtungen, vielmehr war die Kontrolle der Massen und die Diktatur des Proletariats über die alten und die sich aus den Reihen der Partei entwickelnden neuen Ausbeuter noch zu wenig entwickelt.

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