Trotzkismus: Kleinbürgerlicher Karrierismus in Ideologie und Politik - Über Leo Trotzki und den Trotzkismus

aus Rote Fahne 02/2008

RoteFahne02_08.jpgNiemand bestreitet heute mehr ernsthaft die Linksentwicklung unter den Massen und die wachsende Suche nach einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Alternative. SPD und Grüne machen verzweifelte – und durchsichtige – Versuche, sich dem anzupassen. Und zu den Betrugsmanövern, die Verwirrung stiften sollen, gehört es auch, eine angeblich „revolutionäre“ Politik interessant zu machen: den Trotzkismus.

 

Kürzlich sendete „Arte“ eine Dokumentation über Leo Trotzki, und immer wieder, wenn es um die Geschichte des Sozialismus geht, wird der Trotzkismus als „Alternative“ angepriesen, die von den schrecklichen „Stalinisten“ jedoch brutal unterdrückt worden sei. Was ist davon zu halten?

 

Ein auffälliger Gleichklang

„Wer war Leo Trotzki?“ fragte ein Grundsatzartikel der trotzkistischen Gruppe „Sozialistische Alternative“ (SAV) im Dezember 2005 und unter Hinweis auf Marx, Engels und Lenin wird die Behauptung aufgestellt, dass „er zweifellos in einer Reihe mit diesen genialen Theoretikern und Kämpfern für den Sozialismus steht“. Weiter hieß es: „Seine Unterbewertung in der Geschichtsschreibung befindet sich in krassem Gegensatz zu seiner führenden Rolle in der sozialistischen Arbeiterbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.“

Die herrschende bürgerliche Geschichtsschreibung können diese Trotzkisten damit jedoch nicht meinen, denn diese sieht Trotzki seit Jahrzehnten ganz genau so wie sie: „Mit ihm tritt eine Persönlichkeit auf die Bühne des revolutionären Kampfes in Rußland, die an Rang und Bedeutung gleich neben Lenin genannt werden muß“, schreibt zum Beispiel Georg von Rauch („Geschichte des bolschewistischen Rußland“, Fischer Bücherei 1963, S. 30). Ausdrücklich auf Trotzki stützt sich Karl-Heinz Ruffmann 1975 im Band 8 der dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts bei den von ihm zugrunde gelegten Erfahrungsberichten: „… indessen besitzen einige von ihnen fast dokumentarischen Wert, zumal dann, wenn sie, wie vor allem im Falle Trotzkijs, aus der Feder prominenter ehemaliger Repräsentanten und Mitglieder des sowjetischen Parteistaates stammen.“ (S. 10) Als „maßgeblichen Führer der Oktoberrevolution“ bewertete ihn auch die reaktionäre Adenauer-Regierung und nannte Trotzki einen „der bedeutendsten Theoretiker des Kommunismus“ (SBZ von A–Z, Ein Nachschlagebuch über die sowjetische Besatzungszone Deutschlands, herausgegeben vom Ministerium für gesamtdeutsche Fragen, Bonn 1963, S. 481). Und während mit dem KPD-Verbotsurteil von 1956 eine ganze Weltanschauung – der Marxismus-Leninismus – für „unvereinbar mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ der BRD erklärt wurde, hatte der durchaus staatstragende ehemalige niedersächsische Kultusminister, Professor Peter von Oertzen (bis 2005 SPD), keine Bedenken, als offizieller „wissenschaftlicher Berater“ bei der Herausgabe der Trotzki-Werke zu fungieren!

Trotzki erfand in seinem Kampf gegen die von Stalin geführte sozialistische Sowjetunion den antikommunistischen Kampfbegriff des „Stalinismus“ und wurde dafür sowohl in der Weimarer Republik und von den Nazis, als auch von den wechselnden Regierungen Nachkriegsdeutschlands als wichtigster Kronzeuge gegen den Sozialismus herangezogen. Seit Jahrzehnten – und speziell in Zeiten politischer Wendepunkte – wird der Trotzkismus von den Herrschenden benutzt (siehe: RF 37/1990: „Zur Aufwertung des Trotzkismus in den bürgerlichen Medien“).

 

Historische Tatsachen

Laut SAV war Trotzki „die herausragende revolutionäre Persönlichkeit seiner Zeit“. Glaubt man der bürgerlichen Geschichtsschreibung, so mag das so gewesen sein – die Tatsachen sprechen jedoch eine andere Sprache! Seine Zeit – das war die Entstehung der russischen revolutionären Bewegung und der Aufbau des Sozialismus nach der siegreichen Oktoberrevolution. Und in dieser Zeit spielte Trotzki vom Standpunkt der revolutionären Arbeiterbewegung aus gesehen eine opportunistische, schwankende und später feindliche Rolle.

Bei der Trennung der Revolutionäre (Bolschewiki) von den Reformisten (Menschewiki) im Jahr 1903 stand er gegen Lenin. An der russischen Revolution von 1905 nahm er zwar teil, doch nach deren Niederlage gehörte er erneut zum Lager der Opportunisten: Während die von Lenin geführten Bolschewiki in der Illegalität um die Erhaltung der Partei kämpften und sich dabei gegen die „Liquidatoren“ behaupten mussten, die die revolutionäre Partei aufgeben – liquidieren –- wollten, nahm Trotzki die lächerliche Position eines „Vermittlers“ ein. Stalin warf ihm deshalb 1912 vor, dass er seit Jahren „diese kindische Predigt von der Vereinigung des Unvereinbaren“ halte (siehe Stalin, Werke, Bd. 2, S. 236). Seit 1913 gehörte er zur so genannten „Zwischengruppe“, die sich auch während des I. Weltkriegs gegen die Politik Lenins wandte, um dann während der Oktoberrevolution 1917 auf den fahrenden Zug aufzuspringen und sich den Bolschewiki anzuschließen. Für kurze Zeit setzte Trotzki seine Fähigkeiten für den Sieg der Revolution ein und die Bolschewiki wiesen niemanden zurück, der helfen wollte. Mit seinen politischen Kenntnissen gelangte er auch in führende Positionen, doch sein kleinbürgerlicher Führungsanspruch brachte ihn sehr schnell wieder in Gegensatz zur Lenin’schen Politik.

Im Dezember 1920 hielt Lenin die grundlegende Rede „Über die Gewerkschaften, die gegenwärtige Lage und die Fehler Trotzkis“. Er polemisierte gegen Trotzki, weil nach Lenins Auffassung die Gewerkschaften im revolutionären Arbeiterstaat „keine Organisation des Zwanges“, sondern „eine erzieherische Organisation, eine Organisation der Heranziehung, der Schulung … eine Schule der Verwaltung, eine Schule der Wirtschaftsführung“ sein müssten. Es ging ihm dabei um die Vermeidung „grundsätzlicher Fehler … von denen diese Broschüre des Gen. Trotzki strotzt“ (siehe Lenin, Werke, Bd. 32, S. 2 u. 6). Die SAV entblödet sich jedoch nicht, die Realität auf den Kopf zu stellen und in dem zitierten Artikel über Trotzki zu behaupten: „Dreh- und Angelpunkt seiner Ideen war die Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse.“

Trotzki wurde in der Lenin’schen Partei nie heimisch – sein kleinbürgerlicher Führungsanspruch und sein Geltungsdrang erzeugten einen unkontrollierten Hass auf die Parteiführung, insbesondere auf Stalin, als dieser 1924 Lenins Nachfolge antrat. Nachdem die von Lenin und den Bolschewiki erwartete Arbeiterrevolution in Deutschland und den anderen entwickelten kapitalistischen Ländern scheiterte bzw. ausblieb, wechselte Trotzki zurück ins Lager der Kapitulanten. Verbrämt mit der Worthülse der „permanenten Revolution“ vertrat er die Auffassung, dass der von Stalin verfochtene Aufbau des Sozialismus in einem Land – der siegreichen Sowjetunion – unmöglich sei: „Immer haben wir uns nachdrücklich gegen das Projekt ausgesprochen, ‚in kürzester Zeit‘ eine nationale, sozialistische Gesellschaft aufzubauen … Die Probleme unserer Wirtschaft werden letzten Endes auf internationaler Ebene entschieden.“ (Trotzki, Schriften 1.1., Hamburg 1988, S. 158)

Seine ganze politische Aktivität konzentrierte er auf die Bekämpfung Stalins und der Parteiführung. 1927 wurde er folgerichtig aus der Partei ausgeschlossen und 1929 aus der Sowjetunion ausgewiesen. Vom Ausland aus (zuletzt aus Mexiko) setzte er seine konterrevolutionären Aktivitäten fort und rief zum gewaltsamen Sturz der Parteiführung auf.

Mit der spalterischen so genannten „Vierten Internationale“, bekämpfte er international die kommunistischen Parteien. Als 1936 in Spanien die gewählte linke Regierung durch den Militärputsch Francos gestürzt wurde und die Kommunisten zur Unterstützung der Volksfront den bewaffneten Kampf aufnahmen, fielen ihnen die Trotzkisten in den Rücken. Während Franco durch Hitler und Mussolini mit Waffen versorgt und militärisch unterstützt wurde, sabotierten England und Frankreich die demokratische Republik – allein von der Sowjetunion erhielt sie militärische Hilfe. Entgegen diesen historischen Tatsachen werden in dem zitierten SAV-Artikel jedoch nicht Franco, Hitler, Mussolini und die „Nichteinmischungspolitik“ des Westens für die Niederlage der spanischen Demokratie verantwortlich gemacht, sondern die Einheitsfrontpolitik der Kommunisten. So wird darin behauptet: „Volksfront führt zur Niederlage.“

Die fortschrittlichen Menschen in aller Welt waren damals entsetzt über diesen Verrat der Trotzkisten und der mexikanische Kommunist David Alfaro Siqueiros, selbst Spanien-Kämpfer auf Seiten der Republik, schilderte offen seine Gefühle: „Wie erwähnt, hatte die POUM, eine trotzkistische Organisation, in Barcelona einen Aufstand angezettelt, der mehr als fünftausend Tote forderte. Dieser Vorfall steigerte unsere Empörung bis zur Weißglut. Das, worüber wir uns in der Vergangenheit oftmals beiläufig unterhalten hatten, nahm jetzt festere Formen an. Um jeden Preis, das schworen wir uns, muß das Hauptquartier Trotzkis in Mexiko geschlossen werden, und sei es auf gewaltsamen Wege.“ („Man nannte mich den ‚Großen Oberst‘“, Berlin 1988, S. 339) Entgegen den Anweisungen der KP Mexikos, die individuellen Terror ablehnte, beteiligte sich Siqueiros an einem Anschlag auf Trotzkis Wohngebäude, der jedoch scheiterte. Trotzki fiel später, im August 1940, dem Attentat eines seiner Sekretäre zum Opfer.

 

Hinterhältige Taktik

Da die Trotzkisten in der revolutionären Arbeiterbewegung weitgehend diskreditiert und isoliert waren, verzichteten sie wohlweislich immer öfter darauf, offen aufzutreten. Sie benutzten die Taktik des Entrismus, d. h. sie drangen in vorhandene Organisationen ein, wurden dort Mitglied und starteten von innen ihre Wühlarbeit. Ob KPD oder SPD nach dem Krieg, PDS oder WASG nach der deutschen Wiedervereinigung – alle diese Parteien waren von trotzkistischen Unterwanderungsversuchen betroffen. Auch die Neugründung revolutionärer Arbeiterparteien nach dem revisionistischen Verrat Chruschtschows durch die Marxisten-Leninisten Ende der 1960er Jahre war Ziel ihrer hinterhältigen Angriffe: Trotzkisten traten in antirevisionistische Organisationen ein, um den Neuaufbau zu sabotieren.

Politisch sind die Trotzkisten längst erledigt und widerlegt. Im Buch „Geschichte der MLPD“ wird ihre Rolle so zusammengefasst: „Die Trotzkisten bezeichnen sich völlig zu Unrecht als ,revolutionäre Marxisten‘. Der Trotzkismus ist eine kleinbürgerliche Abweichung vom Marxismus, die objektiv eine konterrevolutionäre Rolle spielt. Politisch ist der Trotzkismus nichts anderes als Linksreformismus.“ (I. Teil, S. 44) An anderer Stelle heißt es: „Der Trotzkismus kann am ehesten als Ideologie und Politik des kleinbürgerlichen Karrierismus verstanden werden, der in die Organisation der revolutionären Arbeiterbewegung eindringt, um sie sich unterzuordnen und zu zerstören. (…) Je stärker und geschlossener die revolutionäre Arbeiterbewegung wird, desto weniger Raum läßt sie trotzkistischen Karrieristen.“ (I. Teil, S. 171) (dk)

Artikelaktionen

MLPD vor Ort
MLPD vor Ort Landesverband Nord Landesverband Nordrhein-Westfalen Landesverband Ost Landesverband Rheinland-Pfalz Hessen Saarland Landesverband Baden-Württemberg Landesverband Bayern
In Deutschland ist die MLPD in über 450 Städten vertreten.
Hier geht es zu den Kontaktadressen an den Orten.
Mehr...