„Kaufen für die Müllhalde“

„Kaufen für die Müllhalde“

Cosima_Dannoritzer

Rote-Fahne“-Interview mit der Filmemacherin Cosima Dannoritzer über ihren bei „Arte“ ausgestrahlten Film „Kaufen für die Müllhalde“ – Teil 2

Die Umweltzerstörung nimmt immer größere Ausmaße an. Es wird mehr produziert, als gebraucht wird. Dieser Kreislauf ist nur durch gewaltige Zerstörungskräfte möglich. Stichworte sind: Energieverschwendung, geplante Obsoleszenz (d. h. Verkürzung der Lebenszeit der Produkte durch schnelleren Verschleiß), Transport, Verkehr. Die globale Umweltzerstörung hat einen Punkt erreicht, an dem irreversible Schäden weltweit in Stoffkreisläufe eingetreten sind. Wie siehst du das?

In Europa ist die Müllentsorgung für viele scheinbar kein Problem. Der Müll wird weit weggeschafft. In Ghana kämpfen die Menschen gegen die Vergiftung durch die riesigen Mülldeponien, die aus Containern voll mit Elektroschrott aus Europa entstehen. Das Naturschutzgebiet in Agogbloshie in Accra ist zerstört, der Fluss tot. Die Fischer können nur noch in Müll wühlen. Das Wasser fließt wieder in die Meere und das Ganze landet dann irgendwann auf unseren Tellern, z. B. in schadstoffbelasteten Meeresfrüchten.

Müll, der durch die geplante Obsoleszens entsteht, wird unter anderem nach Ghana verschafft: kaputte Computer, unbrauchbare Fernsehgeräte und defekte Handys aus Deutschland, Spanien, England, Italien usw. Der Versand in die Dritte-Welt-Länder ist illegal, aber der Schrott wird als Gebrauchtware deklariert. Mike Anane, Umweltjournalist und Aktivist aus Ghana sagt: „Es ist keineswegs gerechtfertigt, diesen unbrauchbaren Müll zu erhalten, und schon gar nicht, wenn man ihn nicht selber produziert hat und dein Land nun als Abstellplatz herhalten soll. Unsere Nachwelt wird uns das niemals verzeihen – die Wegwerfmentalität der Industrieländer.“

Die MLPD und die „Rote Fahne“ sind der Ansicht, dass die Abschaffung des Kapitalismus zur grundsätzlichen Lösung der Umweltkatastrophe zwingend ist und wollen dazu beitragen, eine weltweite Widerstandsfront aufzubauen. Dafür ist Aufklärung wichtig. Würdest du sagen, dass du mit deinem Film dafür einen Beitrag leisten konntest?

Ich hoffe, dass ich dazu beitragen konnte, dass die Fakten auf dem Tisch liegen, die die Existenz der geplanten Obsoleszens bestätigen. Wir haben auch Möglichkeiten aufgezeigt, wie man dagegen protestieren kann. Ich kann etwas persönlich dagegen tun, indem ich die Lebenszeit meiner Dinge verlängere. Aber wir können auch gemeinsam in einer Gruppe Widerstand leisten, indem wir eine Sammelklage machen, eine Webseite aufbauen, wir eine neue Partei gründen und indem wir unser Wahlrecht nutzen. Ich hoffe, dass klar wird, dass es nicht so weitergehen kann und auch nicht muss.

In deinem Film gehst du auch auf verschiedene einzelne Lösungsansätze ein. Was willst du selbst gegen die Problematik tun?

In dem Film werden unterschiedliche Ansätze vorgestellt, die sich durchaus auch widersprechen. Ich war positiv überrascht, wie viele Ideen wir finden konnten. Ich hatte gefürchtet, wir begegnen nur einigen Theoretikern, die aber eigentlich nicht in der realen Welt leben.

Die Menschen machen sich zunehmend Gedanken über die Umweltfrage

Aber die Menschen machen sich zunehmend Gedanken zu der Problematik. Viele haben vor allem sehr empört reagiert auf den Fall in Ghana. Mike Anane hat vor, die Verantwortlichen zu verklagen, damit der ständige Fluss von Elektroschrott nach Ghana eingestellt wird. Er hat eine umfangreiche Datenbank aller Firmen erstellt, die die Geräte hergestellt haben und die in Ghana auf den Mülldeponien landen.

Ein anderer Ansatzpunkt ist das Teilen von Gebrauchsgütern und Weitergeben, falls man etwas nicht mehr benötigt. Hier in Spanien wird zum Beispiel viel über das Internet ausgetauscht. Wir müssen an den Service denken und nicht an das Objekt. Wir brauchen die Waschmaschine, um zu waschen. Das heißt, wir können die Maschine auch mieten oder – wie es zum Beispiel in vielen Mietshäusern in Deutschland passiert –, eine gute und langlebige und vielleicht teurere Waschmaschine teilen, anstatt dass jeder ein Billiggerät besitzt, das viel schneller verschleißt. Denn dieser Individualismus erzeugt auch viel Müll. Wie viele Menschen haben heutzutage ein Privathandy, ein Geschäftshandy und vielleicht noch eins, das sie geschenkt bekommen haben?

Das Job-Sharing ist eine weitere Idee. Die Arbeitszeit soll verringert und mehr Menschen sollen beschäftigt werden.

Die Förderung des Öko-Design finde ich auch wichtig: Die Herstellung von Produkten, die so konstruiert werden, dass das Material zu 100 Prozent wieder in den Kreislauf einfließen kann.

Ein anderes Beispiel aus dem Film ist der Russe Vitaliy Kiselev, der eine Computersoft-
ware entwickelt hat, die den Zähler im Epson-Drucker wieder auf null stellt, sodass er weiterdruckt.

Wenn jeder das Problem individuell anpackt, gibt es weiterhin Firmen, die mit der gleichen Wirtschaftsmethode produzieren. Ist es nötig, eine Massenbewegung aufzubauen?

Das Bewusstsein muss sich ändern. Das ist die Massenveränderung. Es kann so nicht weitergehen. Wir überfüllen alles mit Müll, unsere Arbeitsstunden steigen. Viele der Gebrauchsgüter werden billig hergestellt und sind hochgiftig. Die Menschen bekommen zunehmend Allergien. Wenn wir uns zusammentun, können wir natürlich auch viel erreichen. Im Fall der iPod-Batterie wurde eine Sammelklage von den Verbrauchern eingereicht, denn ein Austausch der kurzlebigen Batterie war bislang nicht möglich. Das Unternehmen Apple hat den Klägern einen 50-Dollar-Gutschein zukommen lassen, um sie zu beruhigen.

Der Film wurde im Februar bei Arte ausgestrahlt. Wie waren die Reaktionen?

1,4 Millionen Zuschauer hatten wir bei der Erstausstrahlung und der Film war der meistgeguckte Dokumentarfilm für die darauffolgende Woche. Es wurden zahlreiche Diskussionen geführt und Foren im Internet geöffnet. Mittlerweile ist die Doku auch ins Bildungswesen reingerutscht. An Unis und Schulen wird der Film geguckt. Schüler mussten eine Arbeit zum Film schreiben. Studenten schrieben mich an für ihre angedachte Diplomarbeit und stellten Fragen, erkundigten sich nach Quellen. Wir wurden eingeladen von Unis, Designern, Informatikern, Umwelttechnikern, Öko-Festivals. Aus den unterschiedlichsten Bereichen wurde Interesse geäußert und der Wunsch, eine Debatte zu führen. Der Ansatz ist oft lösungsorientiert, was mich besonders freut, und reicht von individuellen Lösungsvorschlägen bis hin zur Infragestellung des ganzen Systems.

Das ist nicht dein erster Beitrag zum Umweltschutz. Hast du eventuell noch ähnliche Projekte vor für die Zukunft?

Aus diesem Film entstehen wieder neue Projektideen. Ich werde weiterhin Beiträge machen zu der Problematik Konsum und Technik. Und das mit Blick auf das gesamte globale eng vernetzte System, denn wir sitzen alle auf dem gleichen Planeten. Weiterverfolgen werde ich auf jeden Fall auch die Problematik der Elektroschrottdeponien in Ghana.

Ich bedanke mich ganz herzlich für das Interview und wünsche auch im Namen der „Roten Fahne“ weiterhin viel Erfolg in ihrer mutigen Arbeit!

Das Gespräch mit Cosima Dannoritzer führte Julia von Oy in Barcelona.

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