„Berliner Mauer – 13. 8. 1961“

Leserbrief an Redaktion "Rote Fahne"

 

Werte Redakteure der „Roten Fahne“!
Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade sechs Jahre alt, mein großer Bruder Udo neun Jahre. Als Kinder haben wir nicht viel davon mitbekommen. Ich habe aber die Angst meiner Mutter in diesen Tagen gespürt, da mein Vater zu dieser Zeit nicht zu Hause war, er gehörte zu den Kampftruppen, die hinter den Mauerbauern, vor der NVA und den russischen Panzern, mit russischen Maschinenpistolen bewaffnet den Mauerbau absicherten. Meine Mutter hatte Angst, dass es wieder zum Krieg kommt und Vati nicht mehr lebend nach Hause kommt. Ich kann aber hier nur für mich sprechen, denn wie mein Bruder mit dieser Sache damals und heute umgeht, weiß ich nicht, darüber haben wir nie gesprochen. Mein Vater erzählte uns nach seiner Rückkehr nichts.
Später in der Schule wurde uns gelehrt, dass der Mauerbau wichtig war. Einerseits wegen der Sabotage in vielen Betrieben, hauptsächlich in Berlin Ost, andererseits wegen der massenhaften Abwerbung von gut ausgebildeten Fachkräften und dass unser Staat geschützt werden müsste vor der kapitalistischen BRD, als antifaschistisches Bollwerk. Erst so nach und nach erfuhren wir von unserem Vater, dass er auch nicht mit dem Mauerbau einverstanden war, denn auch unsere Familien wurden auseinandergerissen. Zu den Verwandten nach Bayern und Hamburg konnten meine Eltern nun nicht mehr. Auch zu Verwandten in den Grenzgebieten der übrigen DDR konnte man nicht ohne vorherige Genehmigung reisen, selbst Genossen nicht, dies war eine Folgereaktion aus dem Mauerbau. Von Verwandten aus den Grenzgebieten erfuhren wir, dass viele Familien zwangsumgesiedelt wurden, die nicht treu hinter der DDR-Führung standen. Wie gesagt, als Kinder glaubten wir, was uns gelehrt wurde.
Erst 1968, als wir die russischen Panzer auf der F172 Pirna – Sonnenstein nach Prag rollen sahen, wurden unsere Fragen kritischer; zu diesem Zeitpunkt war unser Vater wieder nicht zu Hause, er war mit der Kampftruppe in seinem Betrieb (VEB Strömungsmaschinen, ein Rüstungsbetrieb der DDR) stationiert. Die ehrlichen Antworten, die unser Vater uns dort gab, trugen mit dazu bei, dass wir uns unsere eigene Meinung bilden konnten. Keines meiner Geschwister trat aus aufrechter Überzeugung der SED bei, obwohl alle den gleichen Weg gingen: Jungpionier – Thälmannpionier – FDJ. Mein großer Bruder trat nur in die SED ein, weil er nach dem Studium auch als Pädagoge arbeiten wollte, dies konnte man nur, wenn man Genosse war.
Was ich damit sagen wollte ist, dass viele DDR-Bürger wussten, dass es falsch war, die Mauer zu errichten und dennoch haben sie nicht massenhaft dagegen protestiert. Stellt sich die Frage nach dem warum. Darauf haben wir damals keine Antworten erhalten und wenn man heute mit Zeitzeugen spricht, erhält man auch kaum eine Antwort darauf.
An die Leute, denen noch die Flucht gelang, stelle ich dieselbe Frage, warum sind sie geflohen und haben uns im Stich gelassen, statt gemeinsam gegen den Mauerbau vorzugehen?
Mit freundlichen Grüßen
M. F., Dresden

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