Goebbels und das Massaker von Katyn

aus Rote Fahne 39/2010

RoteFahne39_10.jpgNach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen 1939 und der Zerschlagung des polnischen Staates im „Blitzkrieg“ besetzte die sowjetische Rote Armee Ostpolen, um zu verhindern, dass die Nazis das gesamte Land eroberten. Damit fielen die 1921 von Polen annektierten Gebiete, in denen etwa sechs Millionen Ukrainer und zwei Millionen Weißrussen lebten, an die Sowjetunion zurück. Es wurden von ihr Kriegsgefangenen-

lager eingerichtet, in denen polnische Armeeangehörige festgehalten wurden. Nachdem Hitler 1941 auch die Sowjetunion überfallen hatte, gerieten diese Lager jedoch in die Gewalt der Faschisten, deren erklärtes Ziel die Ausrottung der polnischen Intelligenz, die Versklavung der arbeitsfähigen Männer und Frauen und die Vernichtung der jüdischen Bevölkerungsteile war.

 

Zahlreiche Massaker wurden zur Umsetzung dieser Vorhaben von den Hitlerfaschisten verübt. Als die Rote Armee schließlich den faschistischen Vormarsch stoppte und nach der Schlacht von Stalingrad der II. Weltkrieg Anfang 1943 eine entscheidende Wende genommen hatte, starteten die Nazis ein Propagandamanöver, das die Sowjetunion von ihren britischen und amerikanischen Verbündeten abspalten sollte: Im Wald bei Katyn „entdeckten“ sie Massengräber, in denen die Leichen Tausender erschossener polnischer Offiziere lagen. Sie versuchten, der Roten Armee dieses Verbrechen anzulasten und hatten vor allem bei der bürgerlichen polnischen Exilregierung, die in London residierte, Erfolg. Als diese eine Untersuchung unter Schirmherrschaft der Nazis befürwortete, brach die Sowjetunion die Beziehungen zu ihr ab und stellte unmissverständlich klar, dass die Hitlerarmee dafür verantwortlich war.

Die „Rote Fahne“ ist in der Vergangenheit mehrfach auf  dieses Thema eingegangen, zuletzt am 17. September („Wie Geschichte gefälscht und instrumentalisiert wird“, RF 37/2010, S. 26–27). In diesem Artikel wurde auch der faschistische Propagandaminister Goebbels zitiert, der in seinen Tagebüchern 1943 auf Katyn einging und die Propagandakampagne steuerte. Dabei wurde als Quelle eine französische Internetadresse für das Goebbels-Zitat, das in eigener Übersetzung gebracht wurde, angegeben. Ein Leser der „Roten Fahne“ hat dies zu Recht kritisiert und der Redaktion Kopien aus den 1993 veröffentlichten Tagebüchern zur Verfügung gestellt.

Die von Goebbels wiedergegebene Tagebuchnotiz vom 8. Mai 1943 lautete demnach wörtlich: „Leider ist in den Gräbern von Katyn deutsche Munition gefunden worden. Es muß noch aufgeklärt werden, wie die dort hingekommen ist. Entweder handelt es sich um Munition, die von uns während der Zeit des gütlichen Übereinkommens an die Sowjetunion verkauft worden ist, oder die Sowjets haben selbst diese Munition hineingeworfen. Jedenfalls ist es notwendig, diesen Fall vorläufig noch streng geheimzuhalten; würde er zur Kenntnis unserer Feinde kommen, so würde damit die ganze Katyn-Angelegenheit hinfällig werden.“

Auch an anderen Stellen ging Goebbels in seinen Tagebüchern auf Katyn ein und zwar immer in der Haltung, die Nazis wären tatsächlich von den Leichenfunden überrascht worden. Es kann daher durch die Tagebücher nicht unmittelbar bewiesen werden, dass er von Beginn an eine Fälschung inszenierte. Vielmehr besteht auch die Möglichkeit, dass er aus der willkommenen „Entdeckung“ versuchte, politisches Kapital zu schlagen, ohne darüber informiert zu sein, wann und von welchem deutschen Truppenteil die Polen erschossen worden waren. Das wurde aus dem isolierten Zitat in der „Roten Fahne“ nicht deutlich.

Die Tagebücher von Goebbels dienen Historikern weltweit für ihre Forschungen. Die genaue Quelle lautet: Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte und mit Unterstützung des Staatlichen Archivdienstes Rußlands. Herausgegeben von Elke Fröhlich. Teil II, Diktate 1941–1945, Band 8, April–Juni 1943, K. G. Saur Verlag, München 1993. (dk)

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