„WAZ“ verhöhnt sowjetische Opfer des Faschismus

Antikommunistische Kampagne um Gedenkstein in Stukenbrock

Eigentlich sollte man davon ausgehen können, dass Gedenkstätten für – in deutscher Kriegsgefangenschaft elendig umgekommene – Rotarmisten in Deutschland kein Angriffsziel für plumpe, antikommunistische Kampagnen sein sollten. Bedauerlicherweise führt der Redakteur der „WAZ“, Wilfried Goebels, zusammen mit Teilen der orthodoxen Kirche genau eine solche gegen das Mahnmal auf dem Friedhof des ehemaligen Strafgefangenenlagers Stukenbrock im Landkreis Gütersloh, Ostwestfalen.

Bei besagtem Lager (genau: „Stalag 326“) handelte es sich um ein „Strafgefangenen“lager aus dem II. Weltkrieg für Kriegsgefangene, die fast ausschließlich aus der Sowjetunion kamen. Insgesamt wurden im Zeitraum 1941 bis 1945 rund 300.000 Gefangene durch dieses Lager geschleust. 65.000 Menschen überlebten die unbeschreiblichen Zustände dort nicht.

65.000 Tote liegen auf dem Friedhof
Nachdem es den sowjetischen Häftlingen am 2. April 1945 gelungen war, sich selbst zu befreien, schufen sie, im Gedenken an ihre toten Kameraden, innerhalb von 23 Tagen eine Gedenkstätte, die die Form eines zehn Meter hohen Obelisken hat. Dieser wurde mit drei großen Sternen am oberen Drittel verkleidet und von einer – aus Glasplastik gefertigten – sowjetischen Fahne auf der Spitze abgeschlossen.
In der Blütezeit des Antikommunismus unter Kanzler Adenauer in den 1950er Jahren war besagte Fahne der reaktionären Landesregierung von Nordrhein-Westfalen ein Dorn im Auge. Sie ersetzte die Sowjetfahne durch ein orthodoxes Kreuz.
Die noch lebenden ehemaligen Lagerinsassen und der deutsche Verein „Blumen für Stukenbrock“ kämpfen seit Jahrzehnten für die Wiederherstellung des Originalzustands des Obelisken. Dagegen entfalten nun der Vorsitzende der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, Nikolaj Thon, der Redakteur der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“, Wilfried Goebels, und Teile der NRW-CDU eine unsägliche antikommunistische Hetze, indem sie eine unverschämte Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus betreiben.
So finden sich in einem Artikel Goebels’ in der „WAZ“ vom 9. April falsche Opferzahlen aus der Zeit des Lagers. Dort ist von 40.000 russischen Kriegsgefangenen die Rede, die reale Opferzahl liegt allerdings bei den erwähnten 65.000 Toten. Stutzig macht den Leser auch die Wortwahl des Artikels. Laut Goebels „starben“ die Rotarmisten im Lager Stukenbrock, die durch Verwahrlosung, Krankheiten und Misshandlungen der Wachmannschaften elendig zugrunde gingen; angebliche „gläubige Opfer des Stalinismus“ in der Sowjetunion, die im Artikel gleichberechtigt neben die Opfer des Hitlerfaschismus gestellt werden, wurden hingegen „vernichtet“.

Falsche Opferzahlen und plumper Antikommunismus
Laut dem amerikanischen Kriegsberichterstatter John Mecklin, der bei der Ankunft der amerikanischen Truppen im April 1945 direkt dabei war, zeigten sich die Zustände im Lager wie folgt: „8.610 vor Hunger wahnsinnig gewordene Gefangene wie Tiere in Dreck und Elend gehalten“. Das Wort „starben“ ist hier wohl kaum der richtige Ausdruck.
Die – von Bischof Thom – vorgebrachte, „Vernichtung zigtausender Gläubiger“ in der UdSSR ist beim Betrachten der Fakten eine Geschichtslüge. Der deutsche Publizist Paul Distelbarth bereiste in den 1950er Jahren die Sowjetunion und berichtete in seinem Reisebericht „Russland heute“ Folgendes über die Religionsfreiheit dort: „Heute sind alle anerkannten Religionsgemeinschaften gleichgestellt. … Ein Laienprediger der ,Evangeliumschristen‘, der sein Brot als Arbeiter verdient, ist z. B. mit dem Stalinpreis ausgezeichnet worden. Sein Name ist Nedowess. … Die Vorbedingungen für die Duldung der Kirchen, die bis zu einer gewissen Förderung gehen kann, ist nur, dass die Kirchen jedes, wie immer geartetes Streben nach Macht und jede Einmischung in die Politik unterlassen; dies liegt aber ohnehin im Sinne Christi.“ (Distelbarth, „Rußland heute“, Hamburg, 1954) So viel zur angeblichen „Vernichtung zigtausender Gläubiger“ im „Stalinismus“. Es gab keine Deportationen oder Massenvernichtung Gläubiger in der Sowjetunion.
Unsäglich ist deshalb die im Artikel zitierte Behauptung des besagten Nikolaj Thon, die Ersetzung des orthodoxen Kreuzes auf dem Obelisken durch die rote Fahne entspräche dem Aufstellen von Hakenkreuzen auf deutschen Kriegsgräbern. Das ist eine unverschämte Gleichsetzung der Befreier Europas vom Faschismus mit eben dieser Geißel der Menschheit und stellt eine Beleidigung für die Nachkommen dieser Menschen sowie eine offene Verhöhnung der Opfer dar! Dass nun Teile der NRW-CDU auch noch applaudieren und die Rücknahme des Beschlusses, das Kreuz wieder durch die Fahne zu ersetzen, fordern, ist armselig.
Dabei ist es gerade die rote Fahne, die am geeignetsten an die gefallenen Rotarmisten erinnert. Sie sind unter diesem Symbol, das das Hoheitszeichen der UdSSR war, in den Krieg gezogen, sind für dieses Symbol auch für unsere Befreihung vom Hitlerfaschismus gestorben und unter diesem Zeichen begraben worden. Es wird Zeit, das Testament der Überlebenden endlich zu erfüllen.

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