„Die Anti-Atom-Bewegung kann jetzt noch mehr Druck erzeugen“

Interview mit Prof. Dr. Inge Schmitz-Feuerhake

Welche Bedrohung geht Ihrer Meinung nach von der Atomkatastrophe in Japan für dieses Land und weite Teile der Erde aus?

Bei der Reaktorkatastrophe in Japan drängt sich natürlich der Vergleich mit dem Tschernobyl-Unfall 1986 auf, bei dem es zu weiträumigen Verstrahlungen bis hin nach Westeuropa kam. Selbst noch in Norwegen sind Veränderungen des Erbmaterials in Blutzellen von Menschen durch den radioaktiven Fallout festgestellt worden. Geburtsfehler, Krebserkrankungen und andere chronische Leiden sowie Schäden bei den Nachkommen der Bestrahlten wurden von Wissenschaftlern in den Anrainerländern und weiteren westeuropäischen Ländern bis hin nach Schottland registriert. Von den etwa 800.000 sogenannten „Liquidatoren“, meistens junge Männer aus dem Militär und den Feuerwehren, die zu Strahlenschutzmaßnahmen am Reaktor selbst während des Brandes eingesetzt wurden, sind nachweislich Zehntausende gestorben oder nicht mehr arbeitsfähig.

Wie sich die Lage in Japan entwickelt, kann man zurzeit noch nicht abschätzen. Dort sind in den sechs Reaktorblöcken wesentlich mehr radioaktive Stoffe enthalten als in dem Havariereaktor von Tschernobyl vor dem Unfall. Aufgrund der hohen Strahlungswerte vor Ort und der Tatsache, dass die Brennelemente zumindest teilweise nicht mehr von Kühlwasser umgeben waren, muss man davon ausgehen, dass es auch hier zur Kernschmelze gekommen ist. Die Lage am Meer kann die Lage natürlich entschärfen. Auch war es sehr klug, sofort zu evakuieren, wenn auch die Zone mit zunächst 20 Kilometer Umkreis sich als nicht ausreichend erwies. Dass bereits im 250 Kilometer entfernten Tokio Radioaktivität gemessen wird, lässt befürchten, dass es auch in Japan zu einer großräumigen Verstrahlung kommen wird. Für viele der Arbeiter in den Reaktoren und die später auf dem Reaktorgelände eingesetzten Fach- und Hilfskräfte muss man tödliche Folgen annehmen.

Zunehmend treten Zweifel auf, ob die japanische Bevölkerung durch die Betreiber der Atomkraftwerke und die japanische Regierung richtig informiert wird.

Die Anlagen sind außer Kontrolle geraten. Ich glaube nicht, dass die Betreiber selbst wissen, was im Innern der Reaktoren genau passiert. Natürlich versuchen Betreiber und Regierung, zu beschwichtigen, wie es überall auf der Welt üblich wäre. Für Betroffene, die sich in einer radioaktiven Atmosphäre aufhalten müssen und keine Möglichkeit haben, aus der Region zu entfliehen, weil das zu viele wollen, gibt es wenig Schutz. Atemschutz ist allerdings hilfreich, weil sich viele radioaktive Stoffe als Aerosole – d. h. an Staubpartikel gebunden – in der Luft befinden. Des weiteren sollten sie frei gemessene Lebensmittel verwenden und sauberes Trinkwasser. Jodtabletten sind angesagt, solange die Kontamination noch bevorsteht.

Was halten Sie von dem von Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündeten Moratorium und was kann die Bevölkerung in Deutschland tun, um die Stilllegung aller deutschen Atomkraftwerke durchzusetzen?

Natürlich ist es ein Widerspruch, wenn die Kanzlerin einerseits verkündet, die deutschen Kernkraftwerke seien die sichersten der Welt und andererseits eine neuerliche Überprüfung verlangt und befindet, es sei nun eine neue Situation eingetreten. Trotzdem begrüße ich diese Maßnahme, weil sie verunsicherte Bürger in ihrem Zweifel stärkt und die Atomlobby zu offensichtlich dümmlichen Gegenschlägen veranlasst.
Die Anti-Atom-Bewegung kann jetzt besser ihre Argumente vermitteln und dadurch noch mehr Druck erzeugen. Gerade in Deutschland hat sich ja gezeigt, dass es einen systematischen Zusammenhang gibt zwischen Nähe zum Kernkraftwerk und vermehrter Krebsrate bei Kindern. Dieses Phänomen, für das es keine andere Erklärung gibt als die radioaktive Ursache, zeigt, dass Betreiber und Überwachungsbehörden entweder eben nicht wissen, was von den Werken an Radioaktivität an die Umgebung abgegeben wird und/oder in welchem Umfang diese Stoffe zu den Menschen gelangen. Die ganzen Kontrollen und Modellrechnungen, mit denen man dieses zu beherrschen glaubt, sind offensichtlich lücken- und fehlerhaft. Von Sicherheit kann daher aus prinzipiellen Gründen nicht die Rede sein.

Vielen Dank für das Interview!

Artikelaktionen

Grundatzdebatte

Texte der MLPD zur DKP

MLPD vor Ort
MLPD vor Ort Landesverband Nord Landesverband Nordrhein-Westfalen Landesverband Ost Landesverband Rheinland-Pfalz Hessen Saarland Landesverband Baden-Württemberg Landesverband Bayern
In Deutschland ist die MLPD in über 450 Städten vertreten.
Hier geht es zu den Kontaktadressen an den Orten.
Mehr...